Kolumne
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Zu viele Kriege und Katastrophen

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In den Tagen eines sich uns nähernden Krieges das Thema Fundraising in die Debatte zu werfen, ist nicht leicht. Die Mittelbeschaffung für die Bekämpfung der Kriegsfolgen läuft derart selbstverständlich und in großem Einvernehmen der Bevölkerung, dass es offenbar nur regulierender Maßnahmen bei der Verteilung des Geldes oder der Verwendung der tausendfach angebotenen Zeitspenden bedarf, um spürbar Abhilfe zu schaffen.

Aber die Not endet nicht. Früher haben wir zynisch räsoniert, welche Katastrophe uns denn im laufenden Jahr wieder überdurchschnittliche Spendeneinnahmen bescheren könnten. Jetzt sind es aber der üblen Ereignisse zu viele, und es steht auch zu befürchten, dass sich das auf die Spendenbereitschaft auswirken wird. Das Institut für Demoskopie Allensbach hat in einer von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 24. März veröffentlichten Repräsentativumfrage ermittelt, dass der Krieg gegen die Ukraine zu einem in der Geschichte der Bundesrepublik nie erlebten Zusammenbruch des Zukunftsoptimismus geführt habe. Nur noch 19 % der Bevölkerung seien für die nächsten zwölf Monate optimistisch gestimmt, die Mehrheit dagegen sei tief besorgt.

Seit 1949 beobachtet das Institut die Stimmungslage der Bevölkerung. Immer wieder habe es Schockwellen gegeben, die den Zukunftsoptimismus angriffen, so die Institutsleiterin Renate Köcher, etwa den Koreakrieg, den Mauerbau, die Ölkrisen in den Siebziger- und Achtzigerjahren, die Rezession Anfang der Neunzigerjahre, die New Yorker Anschläge, die Finanzmarktkrise und zuletzt den Ausbruch der Pandemie. Nie sei das Zukunftsvertrauen indes so tief erschüttert wie zurzeit.

    Kolumnist Dr. Christoph Müllerleile

    Kolumnist Dr. Christoph Müllerleile

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    Die Stimmung sei schon vor dem Ausbruch des Krieges verhalten gewesen, so Köcher. Aber jetzt komme zu viel zusammen, um für die nähere Zukunft Raum für unbefangenen Optimismus zu lassen: die nicht enden wollende Pandemie, die hohe Inflation und nun der Ukraine-Krieg mit seinen unwägbaren Risiken. Jeder Dritte halte einen neuen Weltkrieg für ein realistisches Szenario.

    Mehr als akute Kriegsgefahren fürchteten die Bürger die wirtschaftlichen Kollateralschäden und besonders Versorgungsengpässe bei den Energielieferungen. Die Politik und die Bürgerinnen und Bürger hätten dieses Risiko in den letzten Jahren nie auf dem Schirm gehabt, so Köcher.

    Dass diese Einstellungen Einfluss auch auf das ehrenamtliche Engagement und die Bereitschaft, für andere als eigene Zwecke Geld auszugeben, haben könnten, liegt auf der Hand. Augenscheinlich verfügt der Staat aus sprudelnden Steuerquellen, in Wirklichkeit aus den Taschen der steuerzahlenden Menschen und Unternehmen, über genügend Mittel zur Bewältigung aller Krisen. Notfalls wird das Grundgesetz geändert, werden Sondervermögen gebildet, wird Geld gedruckt, um die Krisenfolgen und politische Sonderinteressen gleichzeitig zu finanzieren. Was kann der einfache Wohltäter mit seinen paar Millionen gegen die scheinbar unerschöpflich vorhandenen Milliarden der Regierungen ausrichten? Das galt auch für die jüngste große Krise, die enorme Hilfs-und Spendenbereitschaft ausgelöst hatte, die Überflutungen der Rhein-Nebenflüsse im Juli 2021. Die bereitliegenden Spendengelder mussten in der dritten Reihe geparkt werden, bis Staat und Versicherungswirtschaft sich auf ihren Anteil geeinigt hatten.

    Immer trösten wir uns damit, dass die allgemeine Spendenbereitschaft zwar abnehme, die Einzelspenden aber die Zurückhaltung ausglichen. Mittel werden aber mehr denn je für die Folgen „vergessener“ Kriege gebraucht, im Jemen, in Afghanistan, in Syrien, im Südsudan, im Libanon, in Myanmar, in Somalia, in Äthiopien. Auch drohen gewaltige Hungersnöte durch das Ausbleiben der Getreidelieferungen aus der Ukraine und Russland und der damit einhergehenden Teuerung für Ersatzlieferungen. Das bedeutet fürs Fundraising, unsere Mitmenschen mit noch mehr Leidensbildern zu konfrontieren, um ohne Aussicht auf Nachhaltigkeit Mitleid und Hilfsbereitschaft zu mobilisieren.

    Das, so scheint mir, wäre ein interessantes Thema für eine psychologisch unterfütterte Untersuchung zur Spendenbereitschaft in Dauerkrisen.

     

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    Über den Kolumnisten

    Der Autor ist freier Fachautor für Fundraising und Philanthropie. Der Kommentar stellt seine persönliche Meinung dar. Kontakt: muellerleile@t-online.de

     

     

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